Dein Praktikumszeugnis oder Die Entschlüsselung des Da Vinci Codes.

Welche Rechte habe ich als Praktikant?

Jedes Praktikumszeugnis liest sich auf den ersten Blick positiv, ob sich hinter den Formulierungen wirklich Lob versteckt, solltest du entschlüsseln.


1

Klingt gut ist nicht gleich gut gemeint!

Das deutsche Gesetz besagt, dass ein Praktikumszeugnis immer wahr und wohlwollend formuliert sein muss. Das klingt zunächst nach einer guten Lösung. Sinn und Zweck dieser Regelung ist, dass das Zeugnis deine zukünftigen Berufschancen nicht negativ beeinflussen soll. Aber Vorsicht: Es ist im Endeffekt eben doch nicht egal, ob man ein selbstständiger und Praktikant war oder während seiner Praktikumszeit Schlaf nachgeholt und private Telefongespräche geführt hat. Arbeitgeber sind zwar dazu verpflichtet, positive Formulierungen zu nutzen, doch natürlich haben Vorgesetzte eine Lösung dafür gefunden, ihrem Ärger Luft zu machen. Zwischen den Zeilen wird nach Lust und Laune kritisiert und Dampf abgelassen. Es haben sich Geheimcodes entwickelt, die jeder Chef entschlüsseln kann (oder können sollte).


2

Außer Pünktlichkeit nicht viel gewesen

Was könnte an einem "leistungsorientierten Mitarbeiter, der sich einer Herausforderung hingebungsvoll gewidmet hat“ schon negativ auffallen? Nun ja, Arbeitgeber lesen hieraus, dass der Mitarbeiter die ihm vorgegebenen Ziele in Wirklichkeit nicht erreichen konnte. Zudem sollten anstatt allgemeinen Formulierungen wie „Herausforderungen“ oder „Projekte“ konkrete Erfolge und Aufgaben genannt werden. Werden endlos Selbstverständlichkeiten wie „sie war eine aktive und gut informierte Mitarbeiterin, die imstande war, Texte fehlerfrei zu formulieren“ aufgelistet, lässt das auch tief blicken. Pünktlichkeit und Freundlichkeit werden vorausgesetzt, gibt es sonst nichts über den Praktikanten zu berichten, hat er nichts Nennenswertes geleistet.


3

Mühe geben reicht nicht

Eigeninitiative, Flexibilität, Motivation – Zauberworte, wenn es um die Bewertung von Praktikanten geht. Wer davon zu wenig hat, findet häufig passive Formulierungen in seinem Zeugnis. „Sie/er wurde mit der Aufgabe betraut“ klingt weniger selbstständig, als das aktive „sie/er übernahm die Aufgabe“. Ein wichtiger Indikator für die selbstständige Arbeitsweise eines Praktikanten und damit ein wichtiges Kriterium für zukünftige Arbeitgeber. Auch Verneinungen sind kein gutes Zeichen im Praktikumszeugnis: Sollte die Mitarbeit des Praktikanten für den Erfolg des Projekts „nicht unerheblich“ gewesen sein, ist diese Formulierung hier trotzdem negativ zu verstehen.

Finde jetzt ein Praktikum in deinem Traumberuf!


4

Vielen Dank für die Blumen

Am Ende ist es obligatorisch, dass der Arbeitgeber sein Bedauern über das Ausscheiden des Praktikanten ausdrückt und ihm für die geleistete Arbeit dankt. Fehlt diese Floskel, wissen alle anderen, zukünftigen Chefs sofort Bescheid: Der Bewerber wird von seinem alten Arbeitgeber nicht wirklich vermisst. Das lässt natürlich wiederum auf vieles schließen. Das Ende des Arbeitsverhältnisses mit einem krummen Datum zu nennen (also z.B. 17.07. statt 31.07.) macht z.B. deutlich, dass dem Mitarbeiter fristlos gekündigt wurde.


5

Das magische ST

Der Geheimcode der Arbeitgeber erstreckt sich nicht nur auf den negativen Bereich, besonders erfolgreiche Praktikanten lassen sich auch auf den ersten Blick erkennen. Hauptmerkmal eines sehr guten Praktikumszeugnis‘ ist das „st“. Hast du Aufgaben stets zur „vollSTen“ Zufriedenheit erfüllt, entspricht das einer Eins mit Sternchen. Da diese Formulierung grammatikalisch nicht korrekt ist, gibt es inzwischen auch einige Unternehmen, die auf das magische ST verzichten. Grundsätzlich entsprechen diese Abstufungen dem Schulnotensystem:

  • Sehr gut = stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt
  • Gut = stets zu unserer vollen Zufriedenheit oder zu unserer vollsten Zufriedenheit (ohne stets)
  • Befriedigend = zu unserer vollen Zufriedenheit
  • Ausreichend = zu unserer Zufriedenheit
  • Mangelhaft = hat sich bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden


6

Do-it-yourself Zeugnis

Nicht selten kommt es vor, dass man als Praktikant gebeten wird, sein Zeugnis selber zu schreiben oder „vorzuformulieren“. Jetzt sieht man sich selbst in die Lage versetzt, den Geheimcode richtig anwenden zu müssen. Damit der Personaler, der das Arbeitszeugnis in Zukunft in den Händen halten wird, nicht merkt, dass es sich um ein „Do it yourself“-Zeugnis handelt, solltest du auf folgende Dinge achten:
Vermische Beschreibung und Bewertung nicht. Nenne die Aufgabengebiete rein objektiv, eine subjektive Bewertung folgt erst im zweiten Teil des Zeugnisses.

Deine Erfolge sollten der Höhepunkt des Praktikumszeugnisses sein, lass sie erst zum Schluss der Leistungsbewertung einfließen.

Man sollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, aber Selbstlob, das Kollegen oder das Unternehmen schlecht dastehen lässt, ist im Zeugnis fehl am Platz.


7

Schluss mit lustig

Es gibt Formulierungen, die ohne direkt beleidigend zu sein, eine nächste Anstellung so gut wie unmöglich machen. Diese starken negativ auslegbaren Aussagen sind daher auch gesetzlich verboten worden: „Den Arbeitgebern ist es untersagt, die Zeugnisse mit Merkmalen zu versehen, welche den Zweck haben,den Arbeiter in einer aus dem Wortlaut nicht ersichtlichen Weise zu kennzeichnen." (§113, Absatz 3 der Gewerbeordnung) Trotzdem sollte man sein Zeugnis dahingehend überprüfen und sich bei Fund beim ehemaligen Chef beschweren. Nicht zulässig sind u.a. folgende Formulierungen:
Er hat ein gesundes Selbstvertrauen = Er ist arrogant

Sie versteht es, Aufgaben erfolgreich zu delegieren = Sie hat alle ihre Aufgaben abgegeben und selbst nichts getan

Für die Belange der Kollegen zeigte er immer Einfühlungsvermögen = Er zeigte sexuelles Interesse an den Kolleginnen